Wie das Waldorfschul-Spielzeug entsteht

Von Alexander Strakosch (* 23. August 1879 in Brünn, † 5. Februar 1958 in Dornach), Eisenbahningenieur und Waldorflehrer in der „Freien Waldorfschule“ in Stuttgart.

Wer sich an den verschiedenen Gestalten des Waldorfschul-Spielzeuges erfreut, wer den Froschkönig immer wieder gerne sieht, wem der Igel Spaß macht oder das Äffchen, das auf dem Kamel reitet, oder das Krokodil, wem der Temperamentsvogel ein lieber Geselle geworden ist, den er nicht mehr missen möchte als einen Freund, der allen unseren Stimmungen folgt, ohne den geringsten Widerspruch, der möchte begreiflicherweise auch gerne wissen, wie alle diese schönen Dinge entstehen. Und wahrhaftig, es ist schon ganz interessant, ein wenig hineingucken zu können in das Leben und Treiben, aus dem so ungezwungen alle diese lustigen Figuren herauswachsen. Man darf schon sagen: sie wachsen. Denn da setzt sich nicht etwa ein Erwachsener hin, denkt nach, was der oder jener moderne Pädagoge über das Kind gesagt (oder er denkt auch nicht nach) und er findet etwas, wovon er meint, daß es dem Kinde gefallen würde und daß es ihm gut täte. Das letztere ist gar nicht unwichtig, durch schlechtes Spielzeug kann an den Seelenkräften des Kindes viel verdorben werden, — umgekehrt kann gutes Spielzeug gar manches zur Gesundheit beitragen. Schlecht ist ein Spielzeug, das die belebende Phantasie des Kindes lähmt, indem es ihr alles vorweg nimmt, durch eine genaue naturalistische Behandlung, durch unnötige Einzelheiten, die das Kind gar nicht zu schätzen weiß, die es nicht interessieren, es aber zugleich ernüchtern und die Entwicklung der Vorstellungskraft stören. Gutes Spielzeug ist nicht nachahmend, nicht beschreibend, es kommt auf die charakteristische Geste an, die auf die einfachste Formel gebracht wäre. Eine Lokomotive als Spielzeug ist also gut, wenn sie ein zylindrischer Klotz ist, an dem Rollen oder Räder sind und so etwas wie ein Kamin, aus dem die Vorstellungskraft Rauch und Dampf hervorkommen läßt; die entsprechenden Geräusche besorgt das Kind selbst, ein Krokodil ist ein weit aufgerissener Rachen mit hinten etwas daran wie ein langer Schwanz, ein Küken muß wackeln und watscheln usw.

Nun zu unserem Waldorfschul-Spielzeug! Es hat den Namen, um es gleich vorwegzunehmen, nicht etwa, weil es vielleicht für die Kinder der Waldorfschule in Stuttgart empfohlen wird, sondern weil es von diesen Kindern angefertigt bzw. entworfen wird. Aha! denkt der geneigte Leser: „Vom Kinde für das Kind“. An so ein Schlagwort hat wirklich niemand gedacht, alles ging so zu, daß man es im besten Sinne des Wortes „natürlich“ nennen kann.

Dabei ist aber eine Frage zu berücksichtigen: Warum sind gerade die Kinder dieser Schule imstande, so ein lebendiges Spielzeug zu machen? Damit hat es allerdings eine besondere Bewandtnis. Ehe das Kind zur Schule kommt, da ist es, wenn es gesund und frisch ist von jener übersprudelnden Phantasie, welche die Freude und das Ergötzen des Erwachsenen ist, unerschöpflich an Ideen zu neuer Gestaltung, alle Dinge in Bewegung setzend und verbindend in höchst origineller Weise. Dann kommt es zur Schule und dieser schöne zarte Schmelz der Kinderseele wird nur zu oft zerstört. Das Kind wird leicht müde, die Wangen blaß, das Wachstum ist gehemmt. Nach und nach „gewöhnt“ sich das Kind dann an die Schule — so sagt man — aber wieviel ist da verloren gegangen, was dem Menschen im späteren Leben fehlt. Es fehlt ihm nämlich schon, wenn er gegen zwölf Jahre alt wird, das belebende, künstlerische Element in der Seele, das den in diesem Alter heraufkommenden Denkkräften das Gleichgewicht halten könnte. So werden unsere Kinder sehr, sehr gescheit, aber ihr Denken entbehrt der Originalität, der Selbständigkeit, es wird uniform, schablonenhaft. Man kann ihnen dann viel eintrichtern, kommen sie aber aus der Schule ins Leben, dann fehlt es z.B. an der Fähigkeit, sich schnell in einer neuen Situation zurechtzufinden.

Rudolf Steiner hat aber aus seiner vertieften Menschenkenntnis, Menschen-Erkenntnis dem Lehrer die Wege gewiesen, wie das Kind gerade in den ersten Schuljahren zu führen ist, daß diese Kräfte nicht nur erhalten bleiben, sondern sich in gesunder, in gesundender Weise weiter entwickeln. Und solche Kinder machen das Waldorfschul-Spielzeug, gerade in dem Alter, von dem wir oben sagten, daß sonst die künstlerischen nicht recht aufkämen gegen die Verstandeskräfte.

Wenn die Kinder mit sieben Jahren in die Schule kommen, da geht es zu allererst – ans Malen. Flüssig in Farbnäpfen stehen die Farben da und wie fein ist es, zu genießen wie schön ein Blau neben einem Rot steht; manchem gefällt es auch gut neben einem Gelb, und die Überraschung, wenn dann Blau und Gelb sich so lieb haben, daß sie zusammenfließen und sich als Grün vereint beruhigen, so etwa wie die liebe Sonne auf die dunkle Erde scheint und das Grün der Wiesen hervorlockt. Und da gibt es noch andere Überraschungen dieser Art, und was haben sich die Farben nicht alles zu erzählen. Das eine Kind ist geschickter, das andere weniger, aber schließlich malt jedes mit großem Eifer immer mehr schöne Sachen, denn nach und nach nimmt die Farbe Gestalten an und es entwickeln sich Formen, die man auch schließlich von der Farbe trennen und als solche nehmen kann. So eine Form ist z.B. ein Tisch oder ein Fisch und das sind dann die Buchstaben T und f.

Wie es dann weitergeht, darüber ließe sich natürlich noch sehr viel erzählen, wir müssen uns aber mit diesen Andeutungen begnügen und uns nach unserem Spielzeug umsehen. Die Kinder werden größer, und wenn sie so gegen sechs Jahre in die Schule gegangen sind, ist es Zeit, daß sie nicht nur schöne Handarbeiten machen — natürlich Knaben und Mädchen — also Sticken, Stricken, Häkeln, Nähen, da kommen sie in den Garten, wo es immer, zu jeder Jahreszeit, so viel zu tun gibt; am schönsten ist natürlich die Obsternte, und in die Werkstätte. Auf diesen Moment freuen sich alle schon lange vorher. Da stehen die vielen Hobelbänke, an den Wänden hängen die Werkzeuge, und jedes freut sich darauf zu sägen, zu feilen, zu schnitzen. In Wachs hat man ja schon „jahrelang“ modelliert, und nun harren noch andere sprödere und zähere Materialien der Gestaltung, und das freut einen, denn mit zwölf Jahren erlebt man sich am Widerstand. Diese Kräfte werden nun in diesem Unterrichtszweig veredelt ins Künstlerische. Aber die solide Grundlage für das Künstlerische ist, daß man sein Material wirklich zu behandeln versteht. So lernt man das Holz kennen, indem man zuerst einfache Gegenstände herstellt, Kochlöffel, Stopfeier, oder indem man die Gartenwerkzeuge wieder in Ordnung bringt, welche bei der Benutzung Schaden genommen haben. Hat man schon etwas Geschicklichkeit, so nimmt man ein beliebiges Stück Holz und schnitzt eine ganz einfache Puppe mit anliegenden Armen und geschlossenen Beinen und gibt ihr durch farbige Beizen einen lustigen Anstrich.

Das ist aber alles noch zu starr. Inzwischen ist man doch wieder ein bis zwei Jahre älter geworden, und jetzt wird Spielzeug gemacht, natürlich muß sich alles bewegen. Mechanik hat man ja inzwischen auch schon gelernt, und an der Waldorfschule soll nichts im Kopfe allein bleiben, da soll alles bis in die Hände, bis in die Geschicklichkeit hinein getrieben werden. Wie schön ist doch die Paradies-„Schere”! Erst sieht man gar nicht recht, was da eigentlich alles beisammensteht — ein leises Auseinanderziehen der Stangen, die man in der Hand hält, und im Halbkreis marschieren auf: Adam, Eva, die Tiere, der Paradiesbaum, der Engel mit dem Schwerte, und wenn die Schere sich weiter öffnet, greift Eva nach dem Apfel, und der Engel hebt drohend das Schwert, oder auf einer anderen Schere ziehen die heiligen drei Könige zum Kindlein mit Gefolge, Dromedaren und geschmückten Rossen, und zum Schluß, gerade wenn der erste vor der Krippe kniet, springt über dem Stall der leuchtende Stern heraus. Wer möchte nicht gerne selbst so etwas machen, denn fast jeder hat wieder eine neue Idee und keine zwei Scheren werden gleich sein. Dazu gehört aber allerhand. Bei den Figuren herrscht künstlerische Freiheit, doch muß man genau sich vorstellen können, wie sie sich bewegen und zueinander stehen, damit es am Schluß ein schönes Bild gibt. Aber wehe, wenn die Schere nicht ganz genau konstruiert ist, dann geht sie eben einfach nicht, und dabei lernt man Genauigkeit im Arbeiten. Schließlich kommt dann die unerschöpfliche Fülle des beweglichen Spielzeuges, von der der Katalog der Waldorfspielzeug-Fabrik einen Teil darstellt.

In der Schule macht jedes Kind ein Spielzeug, das es sich ausgedacht hat, einmal. Die Kinder sind ganz selbständig, der Lehrer muß ihnen verstehend, ihnen helfend und weiterführend zur Seite stehen, aber die Kinder führen ihre Entwürfe aus. Die Eltern, die Besucher der Schule, die aus der ganzen Welt kommen, besonders aber die lieben Geschwister und deren Gespielen lernten bald das Spielzeug, das so entstand, schätzen; aber eine Schule ist natürlich keine Spielzeugfabrik und zum Unterricht gehört, daß die Kinder mit zunehmendem Alter auch in ihrer Arbeit weiter fortschreiten, nicht nur von Spielzeug zu Spielzeug, sondern auch weiter zum Plastizieren in Holz und Ton und Stein. Aber etwas anderes ist möglich, und das geschieht auch. Gar manche Kinder möchten gerne, wenn sie die Schule verlassen, einen Beruf ausüben, der in der Linie der Betätigungsart liegt, die sie an der Schule liebgewonnen haben. Da haben Persönlichkeiten, die der Schule nahe stehen, Werkstätten eingerichtet, in denen die schönsten Spielzeuge, die im Unterricht erfunden worden sind, vervielfältigt worden sind und zur Freude von groß und klein über die ganze Erde hin ihren Weg finden.

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