Interview mit Waldorfschülerin und Buchautorin Rebecca Martin

Waldorfschülerin Rebecca Martin

Waldorfschülerin Rebecca Martin
Foto: www.anais.de

Rebecca Martin (Jahrgang 1990) besuchte erst die Waldorfschule Berlin-Mitte, gerade steckt sie im Abitur an der Waldorfschule Kreuzberg.
Mit „Frühling und so“ hat Rebecca ein Buch in der Frauenerotik- Reihe „Anais“ veröffentlicht. Darin geht es um das Mädchenleben der 16-jährigen Raquel, Gefühle, Party, Jungs und Sex inklusive.

Wie viel von dir steckt in der Buchfigur Raquel?
Raquel ist eine Kollage aus mir, meinen Freunden und Alltagsbeobachtungen aus der Zeit in der ich das Buch geschrieben habe.

Sind diese Freunde aus deinem Waldorfschulumfeld?
Meine Freunde sind eigentlich bunt durchmischt, aber natürlich sind auch viele Waldorfschüler darunter.

Blitzt bei Raquel hin und wieder die Waldorfschülerin durch, wenn sie z. B. Vollkornbrot isst oder im Bioladen einkauft?
Zum Teil ist das einfach auch nur Kreuzberger-Öko-Schickimicki. Generell legt Raquel vielleicht schon eine Waldorfmentalität an den Tag, die von mir aber nicht so bewusst integriert wurde. Das zeigt sich vor allem in ihrer Art des Selbstbewusstseins.

Hast du mit dem Gedanken gespielt, Raquel als Waldorfschülerin zu outen?
Ich hab versucht, auch einige Verfremdungsaspekte einzubauen. Deshalb war es mir wichtig, dass es eine Staatsschülerin ist. Aus diesem Grunde leben auch Raquels Eltern getrennt, was ja bei mir nicht der Fall ist.

Hattest du auch Angst, man könnte das Buch in die Waldorfschublade stecken?
Es gibt ja schon viele Menschen, die der Waldorfschule erst mal negativ entgegen treten. Mir ging es aber nicht darum, eine Position zum Waldorftum zu beziehen, sondern einen allgemeinen Aspekt der Jugend einzufangen.

Was entgegnest du der Kritik, dass dein Buch in Zeiten von Charlotte Roches „Feuchtgebiete“-Erfolg rein kommerziellen Hintergrund habe?
Nun, es gibt schon einen kommerziellen Hintergrund. Aber der Verlag hat keine Vorgaben gemacht, außer, dass es um Sex gehen sollte. Das fand ich aber nur natürlich, da das ohnehin ein Thema ist, das Jugendliche zu einem großen Teil beschäftigt. Ich wollte auf jeden Fall weder ein kommerzielles Buch schreiben, noch irgendwie provozieren oder etwas hervorrufen. Die Art der Vermarktung, also auch das gezielte Anschreiben von Boulevard-Zeitungen, hat sich erst im Nachhinein ergeben, als das Buch schon geschrieben war. Dennoch finde ich, ein Buch darf sich ruhig auch gut verkaufen. Man mag das von einer Waldorfschülerin vielleicht nicht erwarten, aber mir war nichts an einem Buch gelegen, dass nur ein Underground-Dasein fristet.

Was für negative Kritik bekommst du?
Manche beschweren sich, dass man den Überblick verliert, weil ich im Buch so viele Bekanntschaften aufzähle. Aber ich finde das in Ordnung, schließlich ist es ja auch im tatsächlichen Leben so. Andere sind verwundert, weil sie mit einem Buch wie „Feuchtgebiete“ gerechnet haben. Wieder andere vermissen einen Spannungsbogen wie in einem Roman. Aber für mich ist das einfach eine Erzählung, ein Bericht. Ich hatte gar nicht den Anspruch, einen Roman zu schaffen. Ich will auch keine Botschaft vermitteln oder großartig eine Meinung abgeben.

Wie war die Resonanz an deiner Waldorfschule?
Die war erstaunlich gut, aber natürlich gibt es auch von Lehrern den ein oder anderen dummen Spruch. Über ein paar Ecken hab ich gehört, dass an meiner ehemaligen Waldorfschule ein Artikel über mich im Lehrerzimmer aufgehängt war. Ich glaube, viele freut der Erfolg, aber mit direktem Lob werde ich jetzt nicht gerade überschüttet. Zwar ist die Waldorfschule gerne misstrauisch, wenn es um Kommerz geht, aber da gibt es ja auch Unterschiede zwischen den Waldorfschulen. Kreuzberg ist da nicht so hardcore Waldorf.

Viele Waldorfschüler haben keinen Sexualkundeunterricht. Wie findest du, dass an der Waldorfschule mit Sex umgegangen wird?
Ich hatte eine Woche Sexualkundeunterricht in der siebten Klasse. Aber ich glaube, das bekommen bei uns auch nicht alle Schüler und hängt schwer vom Lehrer ab. Unter den Lehrern haben wir eine große Mentalitätsbandbreite. Dementsprechend gehen manche damit locker um, andere sind sehr in ihrer konventionellen Waldorfwelt gefangen.

Kennst du den Satz, „Sexualität ist das, was Anthroposophen schon immer vor allem wissen wollen, aber bei Steiner nicht finden können“?
Nein. Ich kenne mich auch überhaupt nicht mit Steiners Lehren aus.

Was denkst du, wie sehr die Waldorfschule deine Schreibfreude gefördert hat?
Die Waldorfschule hat bestimmt meine Kreativität und Interesse an Kunst allgemein gefördert. Da aber auch meine Eltern Kunstschaffende sind, fand da immer eine Auseinandersetzung mit der Art der Kunst an Waldorfschulen statt. Eurythmie zum Beispiel finde ich von der Grundidee her gar nicht so verkehrt, um Sensibilität für Worte und Musik und die Bewegung dazu zu entwickeln. Früher fand ich Eurythmie allerdings furchtbar und finde sie noch immer etwas veraltet. Ich glaube, Eurythmie könnte bei den Schülern viel besseren Nährboden finden, wenn sie an die Gegenwart angepasst werden würde. Vor allem der Sinn und Zweck der Eurythmie sollte besser an die Schüler vermittelt werden. Ich wusste oft überhaupt nicht, was das soll, was ich da eigentlich mache. Warum darf man sich in der Eurythmie eigentlich nicht anfassen? Das ist eine Verklemmtheit, mit der ich überhaupt nicht klarkomme.

Welche Erfahrungen hast du mit Waldorf-Outing gemacht?
Wann immer ich mich als Waldorfschülerin vorstellte, hab ich die Erfahrung gemacht, dass Interesse dafür da war und dass auf jeden Fall eine Reaktion kommt. Ich glaube auch, dass viele Waldorfschüler darauf stolz sind, Waldorfschüler zu sein und deshalb nicht damit hinterm Berg halten. In Berlin erlebe ich Waldorf sogar manchmal als Coolness-Faktor.

Fühlst du dich an der Waldorfschule wohl?
Ich glaube zwar nicht, dass die Waldorfschule für jeden das richtige ist, aber ich fühle mich dort sehr wohl. Insbesondere gefällt mir, dass ich beobachten kann, dass Waldorfschüler am Ende ihrer Schulzeit sehr selbstbewusst in die Welt ziehen und dass sie eine gesunde Ruhe in sich haben, egal welchen Weg sie einschlagen.

Würdest du deine Kinder auf eine Waldorfschule schicken?
Prinzipiell schon, da das für mich eine sehr gute Lösung war. Aber ich würde das dann schon noch vom Kind und der Schule abhängig machen.

Wie erging es dir auf deinen Lesungen?
Bisher waren das nur zwei: Berlin und Wien. In Wien kannte mich noch niemand, es waren nur drei Leute da. Es war jedenfalls eine Erfahrung. Aber Berlin hat großen Spaß gemacht. Viele Mädchen (aber auch Jungs) kamen zu mir und meinten, dass sie sich in vielen Situationen voll wiedererkannt hätten. Solche Rückmeldungen sind natürlich schön. Für meinen Verlag war es allerdings eine Überraschung, wie ironisch ich vorgelesen hab. Das wiederum war für mich überraschend, denn für mich ist das Buch ganz klar sehr ironisch.
Als nächste Lesungen stehen noch Hamburg, Aachen und Köln an und dann werde ich auf der Leipziger Buchmesse sein.

Liebe Rebecca, vielen Dank für dieses Interview!

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. krass, ich wusste gar nicht, dass sie ne waldorfschülerin ist. hab gestern ihr buch zu ende gelesen und nach ihr gegoogelt – und voila :o). finde das interview voll interessant, sehe das buch jetzt in einem ganz anderen licht. ich finde aber sie hätte ruhig waldorfschule im buch zum thema machen können. dass sie angst hat, damit in einer schublade zu landen, zeigt, dass waldorfschüler noch einen wieten weg vor sich haben um breite akzeptanz zu finden.

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