Interview mit Waldorfschülerin Paula Kalenberg

Paula Kalenberg in Krabat

Paula Kalenberg in Krabat
Foto: 20th Century Fox

Paula Kalenberg (Jahrgang 1986) spielte als Schauspielerin bereits in Filmen wie „Kabale und Liebe“ sowie „Die Wolke“ mit. Die letzen vier Jahre ihrer Schulzeit hat sie an der Waldorfschule Bielefeld verbracht. Am 9. Oktober startet in deutschen Kinos die Romanverfilmung Krabat, in der sie die Rolle der Kantorka mimt. Höchste Zeit also, dass wir ihr mal ein paar Fragen stellen.

Findest du Krabat zeitgemäß? Was können junge Leute davon mitnehmen?
Für mich geht es bei Krabat um urmenschliche, völlig zeitlose Themen, wie Liebe, Freundschaft, Macht und Verführung. Ich denke, gerade wir jungen Leute stehen an einem Punkt in unserem Leben, an dem wir mit vielen einschneidenden Entscheidungen konfrontiert sind und ähnlich wie Krabat lernen müssen, Verführungen zu widerstehen.

Findest du, man sollte sich den Film Krabat anschauen? Zerstört das nicht die Fantasiebilder, die man beim Lesen des Buches aufgebaut hat?
Ich glaube, dass ein Film niemals die Aufgabe hat, ein Buch zu ersetzten oder dem gleich zu kommen.
Vielmehr bietet eine Romanverfilmung die Möglichkeit, den Kerngedanken eines Buches in einer komplett neuen Form für die breite Masse zugänglich zu machen. Buch und Film sollten also nicht in Konkurrenz gesehen werden.

Kino-Trailer „Krabat

Wann lohnt es sich, den Fernseher einzuschalten oder ins Kino zu gehen? Findest du es richtig, wie Waldorfschule damit umgeht?
Ich denke, da gibt es solche und solche Waldorf-Eltern. Jede Form der Radikalität halte ich für unangebracht. Ich habe als ich klein war gerne viel Fernsehen geschaut, auch wenn ich es selten durfte. Mich hat das dazu angeregt, selbst in dem Bereich kreativ werden zu wollen. Ich habe angefangen, Moderatorin zu spielen, Hörspielkassetten aufzunehmen, kleine Videosequenzen zu drehen. Gefährlich wird es glaube ich dann, wenn Kinder mehr passive Zeit vor dem Fernseher verbringen als sich aktiv mit Dingen zu beschäftigen. Film und Fernsehen kann bestimmt in Maßen unseren Horizont erweitern und in der Masse das Gegenteil bewirken. Ich habe seit gut drei Jahren zuhause keinen Fernseher mehr und gucke lieber DVDs oder informiere mich übers Internet. Aber wenn ich nach einem ereignisreichen Arbeitstag in mein Hotelbett falle, schalte ich schon mal den Fernseher ein: Einfach, um mich dumpf berieseln zu lassen und abzuschalten.

Wie hat dein Waldorfschulumfeld auf deine Schauspielerei reagiert?
Extrem lässig wie ich finde. Im Gegensatz zu vielen anderen haben meine Mitschüler extrem entspannt auf meinen „Schauspielkram“ reagiert. Ich hatte nie wirklich das Gefühl, ausgegrenzt zu werden. Es gab wohl ein paar Lehrer, die es nicht gern gesehen haben, dass ich so häufig in der Schule fehlte, aber das ist wohl ziemlich normal.

Denkst du, die Waldorfschule hat deine Schauspiel-Karriere begünstigt?
Erst kurz nachdem ich auf die Waldorfschule gekommen bin, ging ich zu meinem ersten Casting. Der Schulwechsel war für mich wie nachhause kommen. Ich wurde so unfassbar herzlich in meine neue Klassengemeinschaft aufgenommen, das hat mir den nötigen Rückhalt gegeben um meine Träume wahr zu machen. Das Gemeinschaftsgefühl der Waldorfschulen, auch international gesehen, ist wirklich toll. Gerne wird das ja als rosaroter Waldorfdünkel abgetan. Eine heile Welt, die nichts mit der rauen Realität zu tun hat. Aber mal ganz ehrlich, was ist falsch daran, eine Umgebung zu schaffen, in der man sich gegenseitig unterstützt und menschliche Wärme und Gemeinschaft höher gehalten wird, als der erbitterte Kampf des Einzelnen? Mir jedenfalls hat die Waldorfschule auch über die Schulzeit hinaus einen großen Teil der Kraft und Gelassenheit gegeben, die man im Film- und Fernsehgeschäft benötigt, um sich selbst nicht zu verlieren.

Welche Rolle ist dein Traum?
Mata Hari.

Kino-Trailer „Die Wolke

Wie denkst du über den deutschen Kinofilm?
Ein Pauschalurteil lässt sich dazu nicht abgeben. Ich glaube dass uns Deutschen in jeder Hinsicht Selbstbewusstsein fehlt. Keine Ahnung, ob die anerzogene Bescheidenheit eher eine Blockade ist oder dem deutschen Film einen eigenen Stil verpasst. Mehr Größenwahn und Wagemut im kreativen Sinne würde dem deutschen Film sicher gut stehen. Mir persönlich fehlt bei deutschen Filmen außerdem oft der Mut zur Leichtigkeit. Alles muss immer einen äußerst ernsten, tieferen Sinn haben und darf bloß nicht nur der banalen Unterhaltung dienen. Was zur Hölle ist falsch daran, Zuschauern einfach eine schöne Zeit zu bereiten?

Du hast die Patenschaft für das Bielefelder Mädchenhaus übernommen. Wie hast du gelernt, die Aufmerksamkeit, die dir entgegengebracht wird, für so etwas zu nutzen?
Bekannt bzw. berühmt zu werden war nie meine Motivation zur Schauspielerei. Dass eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit Möglichkeiten mit sich bringt, habe auch erst durch die Erfolge der Mädchenhaus-Kampagnen gelernt.
Ich denke, wir sollten alle beherzigen, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten aktiv werden kann. Dafür muss man nicht zwangsläufig die 24h-Schicht in der Mädchenzuflucht übernehmen.

Welche Erfahrung hast du mit Waldorf-Outing gemacht?
In meinem Lieblingscafé in Berlin nennt mich die Kellnerin nur noch Mirabelle, seit ich mich als Waldorfschülerin geoutet hab. Ihr ist mal ein Waldimädchen begegnet, das sich eurythmistisch schwebend mit den Worten „Mein Name ist Mira, Mirabelle“ à la James Bond vorgestellt hat. Na, wenn die diesen Namen schon komisch findet, sollte man ihr vielleicht Thorben, Aurelia und Tjorven vorstellen?!

Was ist Eurythmie für dich?
Eurythmie ist der Unterricht in dem ich mich wegen mangelndem Reaktionsvermögen sofort als Ex-Staatsschülerin zu erkennen geben musste. Jede zweite Kupferstange landete an meinem Kopf statt in meinen Händen.

Würdest du deine Kinder auf eine Waldorfschule schicken?
Ich hatte mit meiner Schule großes Glück. Aber unter den Waldorfschulen gibt es ja auch Unterschiede. Ich bin gespannt, was sich in den nächsten Jahren noch im staatlichen Schulsystem verändern wird. Derzeit halte ich jedoch die Waldorfschule für die einzige Schulform, die im Idealfall den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Sich also nach dem einzelnen richtet, anstatt sich darauf zu konzentrieren, die Kinder in Raster einzuteilen und zu beurteilen.

Welches Motiv hättest du gerne, wenn wir dir was aus unserem Waldorfbazar schenken dürfen?
Eine Hotpant mit „Anthro-Po“ hinten drauf  fände ich doll.

Liebe Paula, vielen Dank für dieses Interview!

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Respekt, so stell ich mir eine Waldorfschülerin vor: Gewitzt und tiefgründig. Vielen Dank für dieses Interview!

  2. Cool das es hier jetzt auch einen richtig informativen Blog gibt – Krabat ist auf jeden Fall sehenswert. Schauspielerisch sehr gut – nur die Postprodaktion hatte noch kleine Fehler, die nicht weiter ins Gewicht fallen.

  3. Ich fand das Interview sehr interessant. Meine Tochter 2,5 Jahre geht mit sehr viel Spaß in den Waldorfkindergarten (auf den Phillipinen). Ich bin auf der Suche nach Blockmalfarben, die ich hier in diesem Shop leider vermisse.

  4. Lernte diese junge Frau im Flugzeug nach München im März kennen, sie las einen Text für ein Casting. Wir kamen ins Gespräch und sie war mir sehr sympatisch und wir redeten über das Stricken. Durch Zufall stieß ich auf ihr Bild im Internet und da fiel mir der Name auch ein. Soeben las ich das Interview und bin noch begeisteter von ihr.Hätte ich gewußt, sie ging zur Waldorfschule, hätte ich mich mit ihr darüber unterhalten. Ich finde diese Schulform äußerst interessant. Hätte ich kleine Kinder, würden sie dort hingehen, aber die 3 Söhne sind erwachsen. Jetz werde ich ihren beruflichen Erfolg weiter verfolgen.

  5. Ein ganz interessantes und sympathisches Interview einer ganz großartigen Schauspielerin . Ich hab das Glück sie persönlich zu kennen, ich war in einer klasse mit ihr , ebenfalls in der waldorfschule . Sie ist ein total lieber und sympathischer Mensch und ich ziehe vor ihr und ihrer schauspielerischen Leistung echt den Hut ! Respekt Paula ! Bitte weiter so . Ich bin ganz stolz auf dich

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